James Joyce "gedacht durch meine Augen" / "thought through my eyes"Eine Ausstellung des Präsidialdepartments der Stadt Zürich und der Zürcher James Joyce Stiftung in Zusammenarbeit mit Hannes VogelEin RundgangSchwerpunkt sind visuelle Aspekte, einzig eine Zeittafel verschafft einen biographischen Überblick. Eine Leuchtschrift im Eingangsbereich: H.. C.. E .. Gleich am Anfang konfrontiert uns das komplexeste Werk: Finnegans Wake, und dies auf spielerische Art: Besucher werden mit H C E bekanntgemacht, einer Buchstabenfolge für die männliche Hauptfigur und deren unzählige Inkarnationen, am bekanntesten wohl "Here Comes Everybody" ("Hier Kommt Jedermann") oder "Haveth Childers Everywhere" (Hat Kinder Überall). Manche davon erscheinen an der Wand in einer Dia-Projektion und evozieren so die stete Verwandlung dieser Figur. In seinen Notizen arbeitete Joyce mit graphischen Kürzeln für seine Hauptfiguren. Für H C E war es ein E das auf seinen Balken steht. Dieses Zeichen hat Hannes Vogel zu Finnegans Sehschule veranlasst, zwei grosse "Plakate", die dem Sehtest beim Optiker sehr ähnlich sind. Sie sind so gehängt, dass wir seitlich noch die Dia-Projektion wahrnehmen. Im Rücken haben wir fünf Foto-Porträts von Joyce, die den Zusammen-hang mit der Sehschule klarmachen: Joyce hatte grosse Augenprobleme und viele der Porträts zeigen ihn mit dicker Brille oder gar Augenbinde. Sieht man Vogels zwei Bilder genauer an, merkt man, dass diese E's nicht einfach E's in verschiedenen Stellungen sind, sondern sich selbst verändern: vom Optiker-Zeichen zu einem typographischen Buchstaben mit Serifen. Bei genauem Hinsehen offenbaren sie sich unvermutet als zwei ungleiche Bleistiftzeichnungen. Eine Sehschule, die auf eine Lektüre von Finnegans Wake vorbereitet. Im langen, unteren, Saal vernimmt man zunächst unverständliches Gemurmel, das, je näher man kommt, sich als eine Lesung der Donnerwörter in Finnegans Wake herausstellt. In der Joyceschen Mythologie spricht hier der Donner durch Wortungetüme, die über den ganzen Wake verstreut sind, zehn an der Zahl. Neun bestehen aus 100 Buchstaben, das zehnte aus 101. Zusammen ergeben sie 1001, was das Märchenhafte dieses Nachtbuchs, wie Finnegans Wake auch genannt wird, hervorhebt. Hannes Vogels Fotoarbeit Wylermeer basiert auf diesen Donnerwörtern. Er arrangiert sie, dass über die zehn Bilder hinweg der Name "Joseph Beuys" sichtbar wird -- da Beuys sich ebenfalls intensiv mit Joyce befasst hat, gerade auch mit dem Donnerthema. Im übrigen zeigt die Ausstellung auch drei von Beuys' Ulysses-Zeichnungen (aus Heft 1). Die Darstellung verbindet Wylermeer mit einem weiteren Künstler, der sich von Joyce hat inspirieren lassen: John Cage. So wie Joyce auf literarische Quellen zugriff, blickt Vogel auf das Werk anderer bildender Künstler zurück. Am andern Ende des langen Saals schliesslich Finnegan again, d.h. Vogels Finnegans Alphabet, Buchstaben, die auf Verputz geschrieben sind: was zunächst aussieht wie zwei Grabsteine, erweist sich als ein zugemauerter Eingang: aussen und innen. Das Alphabet fängt mit B an, kommt bei den E's und F's ins Stottern (Sehschule!) und hört mit A auf; entsprechend der zyklischen Struktur von Finnegans Wake das von seinem Ende in den Anfang zurückläuft. Gegenüber von Vogels Fotoarbeit greifen sechs Vitrinen Joyces Verweise auf Visuelles auf: Joyce selbst hat sich auf das Book of Kells, die wohl berühmteste frühmittelalterliche irische Handschrift, berufen. Anhand von Faksimiledrucken der Handschrift wird gezeigt, wie die Illuminationen in Finnegans Wake umgesetzt worden sind. Textpassagen aus dem Wake werden oft über die entsprechende Seite aus dem Book of Kells verständlicher. Und unvermeidlich bei Joyce: er parodiert selbst den Kommentar zu einem frühen Bildband zum Book of Kells. Der obere Stock ist Ulysses gewidmet. Bereits im Gang mit zeitgenössischen Stimmen zu Ulysses wird die Aufmerksamkeit auf eine Installation gelenkt: Glas und Leuchtschnüre in verschiedenen Farben vor dunklem Hintergrund. Im Zimmer rechts werden Querbezüge zur bildenden Kunst seiner Zeit, insbesondere zum Kubismus, beleuchtet: dessen Ästhetik von Fragment, Mehransichtigkeit und Simultanismus lässt sich auch in der Literatur beobachten. Generell zeigt sich in der Moderne eine Tendenz zum räumlichen Text, zum Bild mit einer zeitlichen Dynamik. Hier auch ist der Ort für bibliophile Ausgaben; so etwa die Ausgabe, zu der Henri Matisse Skizzen und Zeichnungen beigesteuert hat; Erstausgaben, darunter eine signierte von Finnegans Wake, ein vor etwa fünf Jahren künstlerisch gebundenes Exemplar von Ulysses u.a m.). Im grossen Raum des ersten Stocks dann ein riesiges "begehbares" Buch. Es soll vor allem aufzeigen, wie sehr Joyce uns den Text als räumliches Gebilde erfahren lässt. Als Beispiel dient eine gemeinsame Erinnerung der Hauptfiguren des Ulysses, Leopold und Molly Bloom, an die Zeit, da sie sich kennenlernten. Dabei wird deutlich, wie Joyce diese Erinnerung aufsplittert in Einzelfragmente, die über das ganze Buch verstreut sind. Die Perspektive wechselt, die Erinnerungsfragmente können allmählich zwar der gleichen Szene zugeordnet werden, decken sich aber nur bedingt. Den Lesenden erschliesst sich das Ganze erst am Schluss, und auch dann bleiben Fragen offen. Das Frühere hängt ab von dem, was man noch gar nicht gelesen hat -- aber auch umgekehrt: eine räumliche Vernetzung in alle Richtungen hat das lineare Nacheinander abgelöst. Wenn wir gewillt sind mitzutun, müssen wir immer wieder zurückblättern; bei einer zweiten Lesung werden wir auch vorblättern. Wie oft gesagt worden ist: "Man kann Joyce nicht lesen, nur wiederlesen". Neben einer zerbrochenen Marmorplatte (mit einem aufgedruckten Joyce-Text), die bei der Cafeteria in der Dermatologie am Zürcher Unispital, DICK und DAVY, hätte plaziert werden sollen und die in ihrem zerbrochenen Zustand -- es fehlen einige kleine Fragmente -- die völlige Erschliessbarkeit von Joyces Texten in Frage stellt, finden sich von Hannes Vogel sechs Zeichnungen, Eine Lesung, die die Lesbarkeit ebenso in Frage stellt. In seiner Korrektur 16 spürt Vogel dem Irrtum eines Kartenstechers nach, der die Heimfahrten des Odysseus und des Menelaos nachzeichnete. Eine weisse Linie, die den Irrtum hervorhebt, führt genau durch die Strasse von Messina, die gefürchtete Passage, die als Skylla und Charybdis bekannt war. Vogel hat genau hingeschaut und schickt uns nochmals in die Sehschule, die auf dieser Meereskarte auch zur Seeschule wird. Im hinteren Teil dann die drei Beuys-Zeichnungen aus Heft 1 von den insgesamt sechs Heften -- "Beuys verlängert im Auftrag von James Joyce den Ulysses um sechs weitere Kapitel". Beuys hat sich von Joyces Portmanteau-Wörter (Wörter die entstehen, wenn zwei oder mehrere miteinander verschmolzen werden) anregen lassen. In seiner Ulysses-Verlängerung, z.B., hat er "fett" und "felt" ("felt" "Filz" und "fühlte") miteinander kombiniert. Fett und Filz sollten sehr zu Beuys Substanzen werden. Neben Beuys' Zeichungen beginnt das schon erwähnte Glas-und-Leuchtschnur-Konstrukt, das sich über drei Räume zieht. Es veranschaulicht, wie Joyce mit kinematographischen Mitteln wie der Parallelmontage Gleichzeitigkeit fingiert. Gewählt wurde das "Irrfelsen"-Kapitel, das Stadt-Kapitel schlechthin aus Ulysses. Nebeneinander angeordnet, in leicht gebogener Linie, sind 19 Glaskörper, die die 19 Handlungsstränge dieses Kapitels bedeuten, auf denen der ganze Text der jeweiligen Szene in seiner effektiven Länge abgedruckt ist. Joyces Strategie, szenenfremde Textpassagen einzuschieben -- die Einschübe sind rot oder gelb markiert --, ermöglichte die Positionierung der einzelnen Szenen auf einer Zeitachse. Die Leuchtschnüre zeigen das Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Szenen. Eine dieser Schnüre führt zu einer Hörstation und das nächste Kapitel, den akustisch ausgerichteten, musikalischen "Sirenen". Ein multimediales Computer-Projekt ermöglicht den Besuchern eine labyrintische Reise durch dieses Stadt-Kapitel, sozusagen in der Kutsche des englischenVizekönigs, der im letzten Abschnitt durch die Stadt fährt, und mit Ausblick auf vorangehende Textstellen, Stadtpläne, Fotos, Illustrationen und Kommentaren. Verdeutlicht werden soll jeweils, wie Joyce die notwendigerweise lineare Abfolge der Sprache aufzubrechen sucht, um mindestens eine Ahnung von Gleichzeitigkeit zu vermitteln. Ein letzter Raum zeigt mikroskopisch, wie Joyces Sprache bildhaft sein kann. Anhand von kleinsten Textfragmenten wird sichtbar gemacht, wie bei Joyce die Sprache oft was sie ausdrücken will, nicht nur sagt, sondern selbst ausführt. Zur Ausstellung ist ein Buch entstanden. JAMES JOYCE "gedacht durch meine Augen" / "thought through my eyes". Hrsg. Ursula Zeller, Ruth Frehner, Hannes Vogel. Erschienen bei Schwabe, Basel. ISBN 3-7965-1593-2. 4farbig. Mit 76 Abbildungen -- ein Essayband, ein Augenbuch, ein Kunstbuch.
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